Wie schon bei den letzten Ausgaben veröffentlichen wir an dieser Stelle den einen oder anderen Artikel aus dem vierteljährlich erscheinenden Magazin von ASS. Das Interview mit Jos Verstappen, dem Vater des viermaligen Formel-1-Weltmeisters Max Verstappen, dürfte vor allem für Eltern von jungen Kartfahrern und Kartfahrerinnen von Interesse sein.
Jos Verstappen (53) hat als Formel-1-Pilot nie die ganz grossen Erfolge feiern können. Zwei dritte Plätze 1994 an der Seite von Michael Schumacher bei Benetton waren die Höhepunkte. Dazu kam ein Feuerunfall in Hockenheim, der ihn über Nacht weltberühmt machte. Als Jos 2003 seinen Formel-1-Helm an den Nagel hängte, war Max sechs Jahre alt und fuhr bereits Kart. Von diesem Zeitpunkt an kümmerte sich Verstappen sr. ausschliesslich um die Karriere seines Sohnes. Wohin diese Karriere führte, ist hinlänglich bekannt. Max Verstappen ist mit 68 GP-Siegen und vier WM-Titeln der erfolgreichste Formel-1-Fahrer der vergangenen zehn Jahre. Für Sie, liebe Leser und Leserinnen, erinnert sich sein Vater an die Anfänge, erzählt aus dem Nähkästchen und gibt Tipps, worauf Eltern von Kartbuben und -mädchen achten sollen.
Wie alt war Max, als er zum ersten Mal im Kart sass?
Jos Verstappen: Viereinhalb Jahre.
Hat er dich gedrängt oder hast du ihn zum Kartfahren mitgenommen?
Er rief mich damals an. Er war gerade vier Jahre alt geworden. Ich wollte eigentlich, dass er erst mit sechs Jahren anfängt. Aber er hat sich durchgesetzt.
Das ist sehr früh. Wann hat er sein erstes Rennen absolviert?
Da war er sieben Jahre alt. Es war ein Rennen in den Niederlanden. Da durfte er schon mit sieben fahren.
Hattest du damals schon ein klares Ziel vor Augen oder wolltest du mit deinem Sohn einfach Spass haben?
Wir konnten damals natürlich nicht wissen, wohin uns der Kartsport führen und welche Erfolge Max einfahren würde. Deshalb stand der Spass an erster Stelle. Wir haben viel Zeit zusammen verbracht und diese auch genossen. Wir sind immer mit unserem Bus zu den Rennen gefahren. Das sind sehr schöne Erinnerungen.
Wie viel Druck hast du in dieser Zeit aufgebaut? Man hört immer wieder Geschichten, du seist sehr streng mit ihm gewesen.
Es gibt tatsächlich viele Leute, die sagen, ich sei mit Max nicht nur streng, sondern auch böse gewesen. Max hat das aber selber nicht so empfunden. Natürlich gab es Momente, da war ich zornig auf ihn. Da habe ich mit ihm geschimpft und hin und wieder bin ich auch übers Ziel geschossen. Aber das gehörte halt irgendwie auch dazu. Und einen gewissen Druck braucht es im Kartsport.
Die Frage ist wahrscheinlich: ab welchem Alter?
Bei uns hat sich der Druck definitiv erhöht, als Max anfing, internationale Rennen zu bestreiten. Bis elf fuhr er nur nationale Rennen.
Hast du am Anfang als Vater am Kart deines Sohnes geschraubt?
Ja, auch später noch. Ich habe auch die Motoren gemacht. Aber bis zwölf war ich «Mädchen für alles».
Danach hat Max werkseitige Unterstützung bekommen?
Ja, CRG hat ihn unter Vertrag genommen. Von da an wurde es wie gesagt professioneller. Aber ich habe auch damals noch nach den Motoren geschaut.
Wurde deine Erziehung durch das professionelle Umfeld für Max noch strenger?
Nicht unbedingt. Und man kann das auch nicht verallgemeinern. Manche Kinder brauchen in diesem Alter eine strenge Hand, andere nicht. Das ist eine Charakterfrage. Und hat viel mit Disziplin zu tun. Für Eltern ist das schwierig, hier das richtige Mass zu finden.
Was war in diesem Karriereabschnitt von Max besonders wichtig?
Die richtigen Leute um sich herum zu haben.
Das stelle ich mir in einem Sport, der viele Trittbrettfahrer und Schaumschläger anzieht, sehr schwierig vor.
Das ist es auch. Es braucht Zeit, bis man die richtigen Leute um sich geschart hat. Und bis man weiss, wem man vertrauen kann, wer erfolgreich sein will und wer eine Ahnung vom Kartsport hat. In diesem Sport lebt man ständig in einer Abhängigkeit. Du weisst nie, wie gut dein Motor im Vergleich zur Konkurrenz ist. Da Vertrauen aufzubauen, ist sehr schwierig und verlangt viel Menschenkenntnis. Hin und wieder täuscht man sich auch in einer Person. Das sind dann die Enttäuschungen, die man verarbeiten muss. Aber auch die gehören dazu. Und aus diesen Fehlern lernt man.
Max ist zum Ende seiner Kartkarriere auch Schaltkart gefahren. Viele Leute behaupten, dass du dir damit den runden Fahrstil, den es später auch im Auto braucht, kaputt machst. Wie stehst du dazu?
Wenn du das richtige Gefühl dafür hast, ist das überhaupt kein Problem. Max hat hin- und hergewechselt. Er war dadurch nicht langsamer. Er hat sich der Situation angepasst und war in beiden Karts schnell.
Wann hast du als Vater gemerkt, dass Max das gewisse Etwas hat?
Schon sehr früh. Da war er sechs Jahre alt. Da hat er einen grossen Schritt gemacht, hat die Zusammenhänge begriffen und fuhr danach noch schneller. Max hat von seinen ersten 60 Rennen 59 gewonnen. Bei dem einen, das wir nicht gewonnen haben, hatten wir ein Motorenproblem.
Max’ Werdegang hat sich also schon sehr früh abgezeichnet.
Ja, er hatte auch eine Eigenschaft, dass er in den ersten zwei Runden immer schneller war als seine Gegner. Er hat es verstanden, auch aus kalten Reifen möglichst viel Grip herauszuholen. Dadurch hat er sich immer schon zu Beginn der Rennen Vorteile verschaffen können.
Wie wichtig ist es letztendlich, im Kartsport Erfolg zu haben? Hat man Max auf seinem späteren Karriereweg darauf angesprochen?
Es wäre falsch zu sagen, dass der Erfolg nicht wichtig ist. Vor allem ist er für das Selbstvertrauen sehr entscheidend. Du kannst von dir nur glauben, dass du der Beste bist, wenn auch die Ergebnisse stimmen. Du musst Rennen oder Meisterschaften gewinnen, um weiter zu kommen. Aber es ist richtig, dass mit dem Wechsel in den Automobilrennsport die Leute nicht mehr ständig nach deinen Erfolgen im Kart fragen. Du machst da ein neues Kapitel auf und musst dich wieder neu beweisen.
Wie habt ihr das neue Kapitel aufgeschlagen?
Das hat mit dem einen oder anderen Test in einem Zweiliter-Formel-Renault begonnen. Danach hatten wir die Gelegenheit, den Formel 3 aus der damaligen Euroserie zu testen. Dieses Auto war perfekt auf Max zugeschnitten. Er hat sich sofort wohl gefühlt, hat immer wieder betont, dass dieses Auto ähnlich zu fahren sei wie ein Kart. Ausserdem hat es ihm gefallen, dass er bereits mehr Power zur Verfügung hatte als im Formel Renault oder in einem Formel 4. Deshalb haben wir dann die Formel 4 ausgelassen und sind 2014 direkt in die Formel-3-Euroserie eingestiegen.
Würdest du das wieder so machen?
Im Fall von Max – ja. Aber man darf nicht vergessen. Er war damals schon 16. Heute sitzen die Kids schon mit 14 im Rennauto. Da macht es dann vielleicht schon Sinn, wenn sie zuerst Formel 4 fahren, bevor sie in eine Formel 3 gehen.
Zu was tendierst du: Möglichst rasch in den Automobilsport wechseln oder doch noch etwas länger Kart fahren?
Es hat Max gut getan, dass er länger im Kart geblieben ist. Ich bin überzeugt, dass er dort mehr gelernt hat.
Eine Frage, die auch immer wieder auftaucht: Soll man seine Automobilsportkarriere im Formelsport beginnen oder lieber im Tourenwagen/GT-Bereich?
Ich bin definitiv für den Weg über die Formelsportklassen. Das ist immer noch der beste Ausbildungsweg, auch wenn er tendenziell kostspieliger ist.
Ihr seid im Laufe der Formel-3-Saison dann zu Red Bull gekommen.
Das ist richtig. Und danach ging alles sehr schnell. 2015 fuhr Max schon Formel 1. Das ist sicher aussergewöhnlich. Aber er hat die Chance gekriegt und er hat sie genutzt. Ich muss allerdings auch sagen, dass wir drei Mal bei Red Bull vorstellig wurden. Und wir die ersten Verträge nicht sofort unterschrieben haben. Es ist also auch da wichtig, Vertrauen aufzubauen und Leute um sich zu haben, die einen unterstützen, um die richtige Entscheidung zu treffen.
Hast du selber Sponsoren suchen müssen?
Im Kart mussten wir keine Sponsoren suchen. Als er zu CRG kam, genoss er Werksunterstützung. Für die Formel 3 haben wir dann auch ein paar Sponsoren gebraucht. Das war aber vor mehr als zehn Jahren. Der Rennsport ist inzwischen noch teurer geworden. Schon allein eine Kart-Saison kostet deutlich mehr als zu unserer Zeit.
Wie weit kommt man heutzutage noch ohne fremde Unterstützung?
(Überlegt lange.) Wenn einer richtig gut ist, dann kommt er auch heute noch weiter. Aber er oder sie muss schon was Spezielles haben.
So wie dein Sohn. Jos, Vielen Dank für das Interview und weiterhin viel Spass bei deinen Rallyes!
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